Die Sternwarte

Die Geschichte des Aussichtsturms auf dem Johannisberg in Bad Nauheim

Der Johannisberg, an dessen Ostseite die Stadt Bad Nauheim im Laufe der vergangenen Jahrhunderte gewachsen ist, war von jeher ein bedeutender Platz. Schon lange bevor die Gemeinde entstanden war, sind auf seinem Gipfel Türme und Gebäude errichtet worden, die für die Menschen des gesamten Gebietes - die heutige Wetterau - von großer Bedeutung waren und auch heute noch sind.

Da es in der Menschheitsgeschichte leider nicht immer friedlich zuging, diente der Berg den Menschen seit jeher als Zufluchtsort in Kriegszeiten. Die teilweise mystischen und abenteuerlichen Überlieferungen hierüber konnten im vergangenen Jahrhundert durch Ausgrabungen (1933) untermauert werden. So bestätigen die Funde von Gefäßscherben und alten Werkzeugen eine Nutzung in der Stein- und Bronzezeit.

Noch bevor das Christentum sich immer weiter in den Norden Europas ausbreitete, wurde der Berg in heidnischer, keltischer und germanischer Zeit als Kultstätte von den Menschen aufgesucht. Doch auch praktische Gründe führten die Menschen hierher: So sind heute noch Spuren von Quarzit-Steinbrüchen an den Hängen des Berges zu erkennen.

Auch die Römer nutzten die exponierte Lage der Johannisbergspitze zur Errichtung eines Signalturms, dessen Mauerreste noch heute besichtigt werden können.

Es war klar, daß auch der Vormarsch des Christentums nicht spurlos am Johannisberg vorbeiziehen würde. Mit dem historischen Hintergrund einer Kultstätte wurde auf dem Gipfel eine Tauf- und Missionskirche errichtet, die fortan erneut auch die Menschen aus der weiteren Umgebung anzog, wie Urkunden aus den Jahren 750-802 n. Chr. belegen. Damals wurden vermutlich die Grundsteine des heutigen Turmes gelegt.

Einen Höhepunkt erlebte das Baugeschehen auf dem Gipfel in der gotischen Zeit (ca. 1200 n. Chr.), als sich neben der Bergkirche noch eine Totenkapelle mit Beinhaus und Friedhof, Pfarrhaus, Glöcknerhaus und eine Scheune befanden. Auch dies läßt sich anhand zahlreicher Knochenfunde rund um den Turm bestätigen.

Hierbei handelt es sich jedoch sicher auch um die traurigen Überreste von Schlachten auf dem Bad Nauheimer Hausberg. Diese Ereignisse und die Wirren der Reformation gingen in der Folge nicht spurlos an den Gebäuden vorüber, Das Ende der Kirche kam im Jahr 1596; die Zerstörung überstand nur das Gemäuer des Glockenturmes.

Letztlich sollte auch dieses fallen, als die Nauheimer zur Errichtung der Reinhardskirche 1732 auf der Suche nach Baumaterial waren. Aus alten Dokumenten geht hervor, daß nur durch Zufall der Turm vor der Zerstörung bewahrt wurde. Glücklicherweise spielte die Erhaltung des geschichtsträchtigen Turmes fortan eine größere Rolle. Nach einer Erneuerung der Turmspitze im Jahre 1822, wurde er wegen der wachsenden Bäume im Jahre 1866 aufgestockt. Dies läßt sich auf die Initiative eines Landvermessers zurückführen, der ihn zu einem Aussichtstusternwarterm umfunktionierte. Hierdurch wurde der Turm endlich für alle Besucher zugänglich, die fortan die einmalige Aussicht von hier oben genießen konnten. Zudem bildet der Turm mit seiner achteckigen Form eine architektonische Besonderheit. Dieser spezielle Baustil findet nur in lokaler Umgebung einige Ableger und bestätigt somit seine Einzigartigkeit.



Die Sternwarte auf dem Johannisberg und der Verein »Volkssternwarte Wetterau e.V.«

Das für uns wohl wichtigste Ereignis in der Vergangenheit war die Nutzungsänderung des Turmes im Jahre 1965. Am 16.November wurde eine Volkssternwarte auf der Turmplattform eingeweiht. Der überaus engagierte Friedberger Amateurastronom Erwin Krauskopf war es, der seine Idee einer der Allgemeinheit zugänglichen Sternwarte bis zur Realisierung gebracht hat.

Unter der Leitung von Dipl.-Ing. L. Grönke und mit der Unterstützung des Hessischen Staatsbades ging damals Erwin Krauskopfs Traum in Erfüllung.

Sowohl das 30-cm-Cassegrain-Spiegelteleskop-, als auch die voll drehbare Beobachtungskuppel, waren damals komplett im Eigenbau entstanden.

Die Beobachtung des Himmels, als wichtigstes Gebiet der Amateurastronomie, ist ein Thema, das fast jeden interessiert. Hierbei entstehen viele Fragen, Neugier wird geweckt, bei manchem entsteht der Wunsch mehr zu erfahren oder andere zu finden, denen es ähnlich geht. Ein Treffpunkt für all diese Menschen ist eine Volkssternwarte. Hier wird praktische und theoretische Amateurastronomie betrieben. Leider hat dieses Hobby - trotz breiten Interesses - den Ruf ungewöhnlich und kompliziert zu sein. Es war ein klarer und wichtiger Anspruch Erwin Krauskopfs diesen Umstand zu beseitigen und dieses interessante Wissensgebiet jedermann zu eröffnen. An diesem Anspruch hat sich nichts geändert, nachdem er aus Altersgründen die Betreuung der Sternwarte gegen Ende der 70er Jahre aufgeben mußte. Volksbildende Astronomie in Praxis und Theorie ist auch heute noch das wichtigste Ziel des Vereins, der die Aufgabe von Erwin Krauskopf weiterführt und auch eigene Ideen verwirklicht.

Nachdem sich 1979 einige Lehrer der umliegenden Schulen zusammenfanden, um diese Tätigkeit aufrechtzuerhalten, schlossen sich ihnen bald auch eine Reihe anderer Astronomiebegeisterter an. Die lose Gruppe der »Bad Nauheimer Sternfreunde« wurde gegründet. Es wurde ein unbefristeter Nutzungsvertrag mit dem damaligen Eigentümer des Turmes, dem Hessischen Staatsbad, geschlossen.

Im Laufe der folgenden Jahre fand eine allmähliche Modernisierung des Sternwarte-Inneren statt.

Im Frühjahr 1982 bildete sich die »Jugendgruppe der Bad Nauheimer Sternfreunde«. In diesem Jahr änderte sich das Innere der Sternwarte vollständig. Die Treppe des Turmes wurde umfangreichen Reparaturarbeiten unterzogen, das gesamte Bildmaterial an den Innenwänden wurde ersetzt. Im Sommer 1982 bildete sich der »Astronomische Arbeitskreis Bad Nauheim«.

Das neue Innere und ein überholtes Beobachtungsinstrument wurden an Pfingsten 1982 mit einem »Tag der Offenen Tür« der Öffentlichkeit vorgestellt. Im darauf folgenden Jahr erfuhr die Sternwarte einen Höhepunkt an Aktivitäten, die so viele Besucher anzogen, wie nie zuvor in ihrer 17-jährigen Geschichte.

Zu dieser Zeit wurde jedoch immer deutlicher, daß das Instrument und sein Schutzbau der Witterung und dem Zahn der Zeit nur begrenzt standhalten können. Rost befiel nicht nur die Teleskopmontierung und die Metallteile der Kuppel, sondern auch den überaus empfindlichen Hauptspiegel des Teleskops selbst. Es wurde zunehmend schwieriger den Wünschen der Besucher nach »Astronomie live«, aber auch den Erwartungen und wachsenden Ansprüchen der steigenden Zahl von Mitgliedern gerecht zu werden. Diese bedauerlichen Umstände führten bis zum Jahr 1988 zu einem deutlichen Rückgang der Aktivitäten auf dem Johannisberg-Turm und der Zahl der aktiven Mitglieder der »Bad Nauheimer Sternfreunde«.

Die kleine Gruppe von nur noch elf Mitgliedern entschloß sich im Oktober 1988, mit der Gründung des eingetragenen Vereins »Volkssternwarte Wetterau«, das Fortbestehen der Sternwarte zu sichern und der Astronomie auf dem Johannisberg neue Impulse zu geben. Mit diesem Verein konnte endlich das Problem, Geldgeber für die Renovierung der Sternwarte zu gewinnen, angegangen werden. Klar war, daß der Verein aus eigener Kraft nicht in der Lage sein würde, neues, zeitgemäßes Instrumentarium und eine Kuppel, die dieses dauerhaft vor Wind und Wetter schützen könnte, zu finanzieren.

Mit kleinen Schritten begann der Verein auf die Situation der Sternwarte in der Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Die Zahl der Mitglieder wuchs wieder an, auch die Aufmerksamkeit der Stadt auf diese so seltene Einrichtung war geweckt. Dem Verein wurden seit 1990 Räumlichkeiten im Alten Rathaus in Bad Nauheim zur Verfügung gestellt. Dort treffen sich die Vereinsmitglieder und interessierte Besucher regelmäßig jeden Freitagabend. Seitdem wird ein Vortragsprogramm mit astronomischen Themen auch außerhalb der Sternwarten-Öffnungszeiten angeboten.

Den Durchbruch in der öffentlichen Anerkennung für den kulturellen und bildungspolitischen Wert der Volkssternwarte erreichte der Verein mit der Ausrichtung einer Astronomieausstellung. Bereits in der ersten von zwei Ausstellungswochen kamen über 2000 Besucher in das Alte Rathaus Bad Nauheim, um sich umfassend über Astronomie und die Arbeit des Vereins zu informieren.

In enger Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Bad Nauheim wurde ein Konzept zur Finanzierung neuer Teleskope erstellt. Doch sollten weitere drei Jahre vergehen, bis der Traum 1995 - pünktlich zum 30jährigen Bestehen der Volkssternwarte - endgültig Realität werden konnte.

In dieser Zeit konnte der Verein seine Anerkennung durch die Öffentlichkeit und die gewonnenen Geldgeber mit fachlich fundierter und regelmäßiger Öffentlichkeitsarbeit weiter steigern. Während die technischen Vorbereitungen des Umbaus liefen, wurde das Vortragsprogramm und die Führungstätigkeit auf der Sternwarte weitergeführt. Zusätzlich wurden mit Hilfe einer Sonderstiftung der Wetterauer Volksbank eG Vorträge mit Profiastronomen organisiert, die durch eine Broschürenreihe begleitet wurden.





Instrumente

Das C 14-Spiegelteleskop

Die Instrumente montiert auf der Alt-7 Montierung. Das C 14 Spiegelteleskop ist der untere, schwarze Tubus.
Die Instrumente montiert auf der Alt-7 Montierung. Das C 14 Spiegelteleskop ist der untere, schwarze Tubus.


Das Schmidt-Cassegrain-Spiegelteleskop mit einem Spiegeldurchmesser von 356 mm ist besonders für schwache Beobachtungsobjekte (Nebel und Galaxien) geeignet. Es bietet allerdings auch wegen seiner großen Brennweite die Möglichkeit für detaillierte Beobachtung mit hohen Vergrößerungen. Das eintreffende Licht wird durch den Hauptspiegel im hinteren Teil gebündelt, über den vorderen Fangspiegel zurück reflektiert, und gelangt durch das Loch im Hauptspiegel - über das Okular - ins Auge des Beobachters. Der Fangspiegel sitzt hierbei fest in einer dünnen Korrektionsplatte aus Glas, die eine Bildkorrektur im Strahlengang bewirkt. Zusätzlich ist das Gerät mit seinen empfindlichen Spiegeln nach außen hin durch die Glasplatte abgeschirmt.

Tubuslänge: 700 mm
Brennweite: f =3910 mm
Öffnung: 350 mm
Spiegeldurchmesser: 356 mm

Schematische Zeichnung des Strahlengangs im C 14 Spiegelteleskop.
Schematische Zeichnung des Strahlengangs im C 14 Spiegelteleskop.





Der 7-Zoll-Starfire-Apochromat

Der Starfire-Apochromat mit seinem weißen Tubus ist rechts im Bild zu sehen.
Der Starfire-Apochromat mit seinem weißen Tubus ist rechts im Bild zu sehen.

Beim zweiten Beobachtungsinstrument handelt es sich um ein dreilinsiges Teleskop (Voll-Apochromat). Hierbei wird der Lichtstrahl in gerader Linie durch die Linsen geleitet und gebündelt. Die hochwertige Optik macht es zu einem idealen Teleskop für die Beobachtung von Sternen und Planeten. Es läßt, in Verbindung mit entsprechenden Filtern, auch die Beobachtung der Sonne zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden. Brennweite: f =1620 mm Öffnung: 180 mm
Schematische Zeichnung des Strahlengangs im Starfire-Apochromat.
Schematische Zeichnung des Strahlengangs im Starfire-Apochromat.



Die Montierung

Alt-7 Montierung mit Instrumenten
Alt-7 Montierung mit Instrumenten.


Es handelt sich um eine parallaktische Montierung der Firma Eckhard Alt. Sie ist so auf einer stabilen Säule befestigt, dass eine der beiden Achsen exakt parallel zur Erdachse ausgerichtet ist. Ein Motor dreht das Teleskop um diese Achse, entgegen der Erdrehung, so dass ein Beobachtungsobjekt nicht aus dem Gesichtsfeld wandert.


Schematische Zeichnung der Alt-7
Schematische Zeichnung der Alt-7.